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Getreidefrei: Mythos und Wahrheit

Allergie-Häufigkeit, DCM-Debatte, Stärke-Alternativen. Eine differenzierte Einordnung der Datenlage seit 2018.

Alle ThemenStand: 2026-05-18

Getreidefreies Futter ist seit etwa 2010 ein dominantes Premium-Segment. Marketing-Narrative reichen von „natürlicher, wie der Wolf isst" bis „verursacht weniger Allergien". Tatsächlich ist die Datenlage zu beiden Seiten nuancierter als die Werbung suggeriert. Seit 2018 läuft zusätzlich eine wissenschaftliche Debatte um einen möglichen Zusammenhang zwischen bestimmten getreidefreien Diäten und einer Herzerkrankung (Dilatative Kardiomyopathie, DCM), die das Thema neu strukturiert hat.

Was bedeutet „getreidefrei"?

„Getreidefrei" bedeutet: keine Verwendung von Weizen, Mais, Reis, Hafer, Roggen, Gerste, Hirse oder vergleichbarer Cerealien. Stattdessen werden alternative Stärke-Quellen eingesetzt: Kartoffel, Süßkartoffel, Tapioka, Erbsen, Linsen, Kichererbsen, Bohnen. „Getreidefrei" ist nicht gleich kohlenhydratarm – die meisten getreidefreien Trockenfutter haben ähnliche Kohlenhydrat-Anteile (30–45 %) wie getreidehaltige Produkte, nur aus anderen Quellen.

Wie häufig sind Getreide-Allergien beim Hund?

Die kommunizierte Häufigkeit von Getreide-Allergien ist deutlich höher als die klinische Realität. Eine systematische Übersicht von Mueller et al. (2016, BMC Veterinary Research) über 297 dokumentierte Futtermittel-Allergie-Fälle beim Hund ergab folgende Verteilung der Auslöser:

- Rindfleisch: 34 % - Milchprodukte: 17 % - Hühnchen: 15 % - Weizen: 13 % - Lamm: 5 % - Soja: 6 % - Mais: 4 %

Tierische Proteine sind also die mit Abstand häufigsten Auslöser. Weizen folgt mit deutlichem Abstand. Mais ist als Allergen statistisch unbedeutend – das Bild „Getreide als häufige Ursache für Hundeallergien" ist nicht datenkonform.

Beim Hund ist Getreide-Empfindlichkeit selten. Bei der Katze ist die Häufigkeit ähnlich verteilt (Rind, Fisch, Milch dominant).

Was ist die DCM-Debatte?

2018 veröffentlichte die FDA (US-amerikanische Lebensmittelbehörde) einen Bericht über eine gehäufte Inzidenz von Dilatativer Kardiomyopathie (DCM) bei Hunden in Verbindung mit bestimmten getreidefreien Diäten, die häufig Hülsenfrüchte (Erbsen, Linsen, Kichererbsen) und/oder Kartoffeln als Hauptkohlenhydratquelle verwendeten. DCM ist eine Herzmuskel-Erkrankung, bei der die Herzkammer erweitert und die Pumpfunktion reduziert ist – sie kann tödlich verlaufen.

Aktueller Stand der Forschung (zusammenfassend Adin et al. 2019, Freeman et al. 2018, Kaplan et al. 2018):

- Es gibt statistische Auffälligkeit (mehr DCM-Fälle bei bestimmten Rassen, die normalerweise nicht genetisch prädisponiert sind, in Verbindung mit hülsenfrucht-reichen, getreidefreien Diäten) - Der kausale Mechanismus ist nicht abschließend geklärt. Ursprünglich vermutete Taurin-Mangel-Hypothese hat sich nur teilweise bestätigt - Möglich sind: Bioverfügbarkeit von Aminosäuren (Methionin, Cystein, Taurin-Vorstufen), antinutritive Faktoren in Hülsenfrüchten, Mikrobiom-Effekte, oder eine Kombination - Die FDA hat die Untersuchung 2022 fortgesetzt, eine endgültige Aussage gibt es nicht

Pragmatische Empfehlung der WSAVA und der American College of Veterinary Internal Medicine (ACVIM): vorsichtig bei Diäten mit Hülsenfrüchten als Hauptkohlenhydrat, besonders bei Rassen mit DCM-Risiko (Dobermann, Cocker Spaniel, Boxer, Deutsche Dogge, Irischer Wolfshund).

Wann ist getreidefrei sinnvoll?

Klinisch gerechtfertigt ist getreidefrei bei:

- Nachgewiesener Allergie auf ein spezifisches Getreide (Weizen-Allergie nach Eliminationsdiät und Provokation diagnostiziert) - Glutensensitive Enteropathie: speziell beim Irish Setter dokumentiert (McCarthy et al. 1988), bei anderen Rassen klinisch selten - Im Rahmen einer Eliminationsdiät mit ungewohnter Kohlenhydratquelle

Für die Mehrheit der Hunde gibt es keine evidenzbasierte Indikation für getreidefreies Futter. Hochwertiges, getreidehaltiges Futter mit gut verdaulichem Reis oder Hafer ist für gesunde Hunde unproblematisch.

Wie unterscheiden sich die Stärke-Alternativen?

- Kartoffel und Süßkartoffel: gut verdaulich, gering allergen, höhere glykämische Last als Vollkornreis - Tapioka (Maniok): sehr gut verdaulich, niedriger glykämischer Index, geringe Nährstoff-Dichte (kalorischer Filler) - Erbsen, Linsen, Kichererbsen: höherer Protein-Anteil, höherer Faser-Anteil, antinutritive Faktoren (Lektine, Phytate), Verdaulichkeit etwas niedriger - Reis (in getreidehaltigen Premium-Diäten): hochverdaulich, allergen-arm, gut bei sensibler Verdauung. Reis ist eines der unproblematischsten Getreide für Hunde und gilt nicht als typisches Allergen

Was sagt das Etikett?

Bei getreidefreien Produkten ist relevant:

- Hauptkohlenhydratquelle (erste Zutat nach dem Fleisch): einzeln aufgeführt, nicht versteckt unter „pflanzliche Nebenerzeugnisse" - Hülsenfrucht-Anteil: Erbsen, Linsen, Kichererbsen – Gesamtanteil prüfen, gerade bei DCM-Risikorassen - Taurin-Zusatz: bei getreidefreien Diäten gelegentlich als Sicherheitsmarge ergänzt - Tierischer Protein-Anteil: getreidefreie Premium-Linien haben oft 25–40 % tierisches Protein, das ist meist sinnvoll positioniert

Welche Hersteller-Positionierung gibt es?

- Konsequent getreidefrei: Wolfsblut, Orijen, Acana, Taste of the Wild, Wildes Land - Optional getreidehaltig und -frei: Bosch, Josera, Markus-Mühle, Happy Dog - Schwerpunkt getreidehaltig: Royal Canin, Hill's, Eukanuba (mit Begründung in der Verdaulichkeitsforschung)

Die Position eines Herstellers zu getreidefrei sagt wenig über Qualität – beide Konzepte können valide sein.

Wann zum Tierarzt

Bei klinischen Symptomen einer Herzerkrankung (Husten, Belastungsintoleranz, vermehrtes Hecheln, Synkopen, Gewichtsverlust) bei einem Hund mit längerer getreidefreier, hülsenfrucht-reicher Diät: kardiologische Abklärung mit Echokardiografie und EKG, ggf. Bestimmung von NT-proBNP und Taurin-Plasmaspiegel. Bei Verdacht auf Futtermittel-Allergie: keine eigenmächtige Umstellung auf „getreidefrei", sondern strukturierte Eliminationsdiät mit ärztlicher Begleitung. Bei DCM-Risikorassen mit hülsenfruchtbasierter Diät empfiehlt die ACVIM eine prophylaktische kardiologische Untersuchung und ggf. einen Diät-Wechsel.

Hinweis

Dieser Beitrag ist allgemeine Information, keine individuelle tierärztliche Beratung. Bei akuten oder anhaltenden Symptomen deines Tieres bitte einen Tierarzt oder eine Tierklinik konsultieren.